
Caveat Emptor
Die rezenten politischen Entscheidungen zur Fortentwicklung des Gesundheitswesens werden im Wesentlichen von drei großen gesellschaftlichen Strömungen geprägt: Verrechtlichung, Ökonomisierung (Kapitalisierung) und Digitalisierung.
Doch handelt es sich hier um Anwendungen von bloßen Werkzeugfunktionen. Wir haben schon lange nicht mehr vernommen, dass es um die Gesundheitsversorgung jedes Einzelnen in der modernen Massengesellschaft geht.
Gleichheitsprinzipien werden im Praxisalltag durch die minutiöse Online-Prüfung der Anspruchsberechtigung der aktuellen Patienten verletzt. Es passiert uns täglich, dass Patienten erst durch das Stecken der Ecard vom Verlust ihres Krankenversicherungsschutzes erfahren; jedes Mal wieder ein persönliches Drama, das eigentlich völlig überflüssig ist.
Es wird zwar nicht gesagt, solche Zeichen zur Präkarisierung des öffentlichen Gesundheitswesens, des „ersten Gesundheitsmarktes“ sind für uns jedoch unübersehbar.
Das öffentliche Gesundheitswesen, der „erste Gesundheitsmarkt“ in der Diktion der Wirtschaftskammer, hat bislang durch seine exzellente Qualität den „zweiten Gesundheitsmarkt“, den „freien Gesundheitsmarkt“ stark marginalisiert. Das ist den Wirtschaftslobbyisten schon lange ein Dorn im Auge. Durch unsachliche und völlig überzogene Kritik an der Qualität der ärztlichen Leistung wird ein fundamentaler Qualitätsverbesserungsbedarf behauptet.
Als Hauptkriterium für die Qualität von Waren und Dienstleistungen gilt weltweit der Grad der Kundenzufriedenheit. An der Patientenzufriedenheit gemessen, ist die Qualität der ärztlichen Leistungen in Österreich sehr gut, und natürlich wesentlich besser, als die Kundenzufriedenheit in jeder Dienstleistungsbranche. Spektakuläre Unglücksfälle werden von einem bestimmten Patientenanwalt immer wieder in die Medien gebracht, finden aber wenig Echo. Besonders in Österreich machen die Bürger gute Erfahrungen mit ihren Ärzten, und Ausnahmen bestätigen auch diese Regel.
Sparsamkeit, damit weder die Patienten, noch wir Ärzte irgendwelche Einschränkungen notwendiger Versorgungsleistungen erdulden müssen, wird ohnehin von allen Beteiligten mitgetragen. Es soll aber nicht jeder Handschlag extra verrechnet und juristisch unanfechtbar begründet werden müssen. Denn das führt nachweislich nicht zu Kosteneinsparungen sondern zur Leistungsexplosion durch extrem teure Defensivmedizin.
Was den modernen Konzepten zur zukünftigen Entwicklung des Gesundheitswesens am meisten mangelt, ist eine Vorstellung vom Wert der Arztkonsultation für den Patienten und für seine medizinische Versorgung. Dazu bedarf es eines passenden Zeitrahmens und eines geeigneten Raumes. Es ist nicht einmal angedacht, bisherige strukturelle Mängel zu beheben, wie zum Beispiel: Ärzte-Sprechzimmer zur Wahrung der Privatsphäre in Spitälern, adäquater Zeittakt der Ambulanztermine. Auch in der freien Praxis gibt es Bedarf für Patientenschulung. Wollte man den Einsatz von Geldmitteln wirklich effektiver machen, sollte man das auch tun: Zeit und Raum für Patientengespräche, aber auch für interdisziplinäre Konsilien.
Die Digitalisierung , z.B. das ELGA Projekt, soll wohl all diese persönlichen Dienstleistungen durch Schriftliches zu ersetzen. Das Resultat kann aber nur ein albtraumhaftes Chaos sein: Automatisierte Entscheidungsprozesse, eine Flut von Schriftstücken, die weder vom Arzt noch vom Patienten gelesen, geordnet, korrigiert und gewichtet werden können, da das dafür nötige Personal, der Raum und die Zeit dafür nicht mehr eingeplant aber dennoch gesetzlich sanktioniert sind.
Eine hoch organisierte Medizin zerfällt. Übrig bleibt der Geschäftsfall: Der Patient wählt nach seinem Gutdünken eine ärztliche Dienstleistung aus einem Angebot aus. Ärzte erbringen als Wirtschafttreibende einfach nur diese Dienstleistung. Soweit die moderne Utopie der Bundeswirtschaftskammer.
Diese ist jedoch unsachlich: Da wir als Ärzte jeden Tag viele Patienten beraten, wissen wir natürlich, dass es so nicht gehen kann, dass wir es so nicht machen können.
Denn wir sind Realisten, wir sehen , was unsere Patienten brauchen, und wir haben ein sicheres Gefühl für Fairness. Dieses scheint vielleicht manchen Wirtschaftstreibenden und Ministerialbeamten abhanden gekommen zu sein, doch kürzlich las ich im Kurier, dass Ethik selbst in der Wirtschaft wieder gefragt sei. Hoffen wir, dass diese Botschaft auch bei unseren Gesundheitspolitikern recht bald ankommt.
Hans-Joachim Fuchs